Wer einen Online-Shop plant, bekommt schnell eine Systemempfehlung – meistens die, mit der die jeweilige Agentur am liebsten arbeitet. Das muss nicht falsch sein. Aber die Frage, welches System zu Ihrem Geschäft passt, sollte vor der Frage stehen, wer es baut.
Im Kern gibt es drei Wege. Jeder hat Fälle, in denen er eindeutig der richtige ist.
Weg 1: Gemietete Shop-Software
Beispiele: Shopify, Wix, Jimdo, die Shop-Funktionen großer Baukästen.
Sie mieten eine fertige Plattform und zahlen eine monatliche Gebühr. Hosting, Sicherheitsupdates und Zahlungsabwicklung übernimmt der Anbieter. Sie wählen eine Vorlage, legen Produkte an und verkaufen.
Passt, wenn:
- Sie gerade anfangen und noch nicht wissen, wie sich der Verkauf entwickelt
- Ihr Sortiment überschaubar ist und dem üblichen Muster folgt: Produkt, Varianten, Warenkorb, Kasse
- Sie keine Lust auf Technik haben und das auch nicht ändern wollen
Achten Sie auf:
- Gebühren, die mit dem Umsatz wachsen. Neben der Grundgebühr fallen oft Transaktionsgebühren oder Aufschläge für bestimmte Zahlungsarten an, dazu kostenpflichtige Erweiterungen. Rechnen Sie das für Ihren erwarteten Umsatz in drei Jahren durch, nicht für den ersten Monat.
- Grenzen bei Sonderwünschen. Kundenindividuelle Preise, Staffelungen, Angebotsprozesse vor der Bestellung: Was die Plattform nicht vorsieht, geht oft nur über Erweiterungen – oder gar nicht.
- Umzug. Produktdaten lassen sich meist exportieren. Gestaltung, Erweiterungen und Abläufe nehmen Sie nicht mit.
Weg 2: Open-Source-Shopsoftware
Beispiele: WooCommerce (als Erweiterung für WordPress), Shopware, Magento.
Die Software selbst kostet in der Grundfassung keine Lizenz. Sie läuft auf einem Server, den Sie oder Ihr Dienstleister betreiben. Warenkorb, Kasse, Bestellverwaltung, Zahlungsanbindungen und Rechtstexte-Erweiterungen bringt sie mit oder lassen sich ergänzen.
Passt, wenn:
- Ihr Verkauf im Wesentlichen dem Standard folgt, Sie aber mehr Kontrolle wollen als bei einem Mietshop
- Sie eine Anbindung an Warenwirtschaft oder Buchhaltung brauchen, für die es fertige Erweiterungen gibt
- Sie die laufenden Kosten nicht an den Umsatz koppeln wollen
Achten Sie auf:
- Wartung. Die Software und ihre Erweiterungen brauchen regelmäßig Updates. Ein Shop mit zwanzig Erweiterungen ist zwanzigmal die Frage, ob nach einem Update noch alles zusammenpasst. Planen Sie dafür ein festes Budget ein.
- Hosting. Ein Shop braucht einen ordentlichen Server mit Backups – nicht das günstigste Webhosting-Paket.
- Erweiterungen statt Lösung. Jede Anforderung lässt sich mit noch einer Erweiterung „lösen“. Ab einem gewissen Punkt ist das System mehr Flickwerk als Shop.
Weg 3: Individueller Shop
Ein Shop, der für Ihren Verkaufsprozess gebaut wird – entweder komplett eigen oder auf einem schlanken technischen Unterbau, der nur das enthält, was gebraucht wird.
Passt, wenn Ihr Verkauf vom Muster abweicht:
- Produktkonfiguratoren, bei denen sich Preis und Lieferzeit aus vielen Optionen ergeben
- kundenindividuelle Preise und Konditionen, etwa im Großhandel
- Angebots- und Freigabeprozesse vor der eigentlichen Bestellung
- Buchungen statt Produkte – Termine, Plätze, Abos
Achten Sie auf:
- Höhere Anfangskosten. Warenkorb, Kasse und Bestellverwaltung, die Standardsysteme mitbringen, müssen hier gebaut oder bewusst ausgewählt werden.
- Wer betreibt es danach? Ein individueller Shop ohne Wartung veraltet genauso wie jeder andere. Klären Sie das vor dem Start.
- Wem gehört der Code? Bei einem individuellen Shop sollte die Antwort „Ihnen“ lauten, inklusive aller Zugänge.
Die drei Fragen, die die Entscheidung tragen
Wie verkaufen Sie?
Schreiben Sie den typischen Ablauf einer Bestellung auf, von der ersten Produktansicht bis zur Rechnung. Passt er in „Produkt wählen, Variante wählen, Warenkorb, bezahlen“, reicht fast jedes System. Gibt es Schritte dazwischen – Beratung, Konfiguration, Freigabe –, wird die Wahl enger.
Womit arbeiten Sie schon?
Die teuerste Lösung im Handel ist doppelte Pflege: Artikel im Shop anlegen und dieselben Artikel in der Warenwirtschaft, Bestände von Hand abgleichen, Bestellungen abtippen. Prüfen Sie zuerst, welche Systeme Sie haben und welche Schnittstellen diese anbieten. Das schränkt die Auswahl oft stärker ein als jede Design-Frage – und das ist gut so.
Wie viel wollen Sie selbst in der Hand haben?
Ein Mietshop nimmt Ihnen Technik ab und bindet Sie an den Anbieter. Ein eigener Shop gibt Ihnen Kontrolle und verlangt, dass jemand sich kümmert. Dazwischen gibt es keine Variante, die beides gleichzeitig ist.
Was in jedem System stimmen muss
Unabhängig vom System gelten für Shops, die an Verbraucher verkaufen, dieselben Pflichten. Abmahnungen treffen fast immer dieselben Stellen:
- Preisangaben mit Grundpreis, wo vorgeschrieben, sowie Hinweise zu Versandkosten und Steuer
- Widerrufsbelehrung und Muster-Widerrufsformular
- ein Bestellbutton mit eindeutiger Beschriftung, etwa „zahlungspflichtig bestellen“
- eine Bestellbestätigung mit allen Pflichtangaben
- Verpackungsregister sowie Hinweise zu Altgeräten und Batterien, soweit einschlägig
Kein System erledigt das von allein. Es bietet nur die Stellen an, an denen es richtig eingetragen werden muss.
Kurz gesagt
- Anfang, kleines Sortiment, kein Technikinteresse: gemieteter Shop.
- Standardverkauf, Anbindung an bestehende Systeme, Kosten unabhängig vom Umsatz: Open-Source-Shop.
- Verkauf, der vom Muster abweicht: individueller Shop.
Und wenn Sie bereits einen Shop haben, der nur an einzelnen Stellen stört – langsame Ladezeit, mühsame Produktpflege, fehlende Anbindung –, dann ist eine Reparatur oft die bessere Investition als ein Neubau.
